Verlust und Neubeginn 2023.
- nadjabastl
- 11. Jan. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Dieses Jahr habe ich die verletzlichste, aber auch die stärkste Version von mir kennengelernt.
Wenn ich an den Anfang dieses Jahres zurückdenke, hätte ich wohl nie damit gerechnet, dass es das schlimmste Jahr meines bisherigen Lebens werden würde. Im Januar wurde meine Oma 90 Jahre alt, und dies wurde natürlich gebührend gefeiert. Ein toller Start ins Jahr, bei dem mir wieder bewusst wurde, wie wichtig der Wert Familie für mich ist und wie stark meine polnischen Wurzeln mich prägen.
Die ersten Monate des Jahres liefen gut und waren ruhig. Doch als ich im Mai erfuhr, dass ich schwanger bin, übermannte mich ein mächtiges Gefühl (ich kann es gar nicht anders benennen). Ein Gefühl, das so breit war wie keines zuvor: Glück, Vorfreude, Neugier, Überforderung, Spannung und so viel mehr. Zur selben Zeit machten wir Urlaub in Irland und wir erlebten dort Momente, in denen ich mich mit der Welt und meinem Leben so im Einklang fühlte.
Die Sommermonate waren für mich eindeutig die schönsten. Einerseits bereitete ich mich darauf vor, Mutter zu werden, andererseits wollte ich vor dieser Reise unbedingt noch mein Gewerbe anmelden. Daher führte ich viele Beratungen durch und lernte so viele Menschen mit tollen Persönkichkeiten kennen. Der krönende Abschluss des Sommers war unser Babymoon. In der 16. Schwangerschaftswoche verbrachten wir noch ein paar Tage in unserer liebsten Therme, um noch Energie zu tanken. Damals wussten wir noch gar nicht, wie sehr wir diese Energie noch brauchen würden.
Einen Tag nach unserem Babymoon wurde alles dunkel, und ich erhielt eine zerschmetternde (und wohl die schlimmste) Nachricht. Bei unserem Sohn wurde eine Spina bifida diagnostiziert. Auf Deutsch: ein offener Rücken. Ohne auf die exakte Diagnose einzugehen, war schnell klar, dass unser Kind verheerende und irreversible Schäden erlitten hatte. Alles, was danach geschah, nahm ich in Zeitlupe und wie durch eine dichte Nebelwand wahr. Nach und nach wurde mir bewusst, was dies bedeutet. Wir werden keine Eltern. Unser Kind wird das nicht überleben. Ich bin noch immer schwanger und muss dieses Kind trotz allem zur Welt bringen, denn die Schwangerschaft war schon zu weit fortgeschritten um dies während einer Narkose zu machen.
Der gesamte September war ein Monat des Horrors. Ich hatte einige Untersuchungen im Spital und musste am 12. September unseren Sohn in der 17. Schwangerschaftswoche zur Welt bringen. Dies war gleichzeitig die schlimmste, aber auch die schönste Erfahrung, denn wir durften unser Kind in Händen halten und uns von ihm verabschieden.
Ich habe mir danach einige Wochen Zeit genommen, um diese Erfahrung zu verarbeiten. Einerseits durch professionelle Unterstützung, andererseits aber auch durch aktive Trauerarbeit. Trauer ist individuell. Jede Person braucht etwas anderes, und ich möchte hier unterstreichen, dass dies meine Art war, mit meiner Trauer umzugehen. Nachträglich betrachtet kann ich diese Zeit in drei Phasen aufteilen.
Phase 1: Platz für ALLES
In der ersten Zeit habe ich ausschließlich das gemacht, wonach mir war. Ich war viel in der Natur (aber auch viel im Bett) und habe allen Gefühlen ihren Platz gelassen.
Je schöner der Ort war, an dem ich war, umso tiefer war meine Trauer und die Traurigkeit. Irgendwann wurde aus Traurigkeit Wut und aus Wut eine gewisse Gleichgültigkeit, die wieder in Traurigkeit mündete. Ich habe in der Zeit viel von meiner Ausbildung profitiert, denn ich wusste, alles ist erlaubt; jedes Gefühl hat seinen Platz und ist richtig. Ich versuchte, mir keinen Stress zu machen, um diese, auch so kraftraubenden Emotionen zu verdrängen, und mit der Zeit wurden sie entweder weniger stark, oder ich gewöhnte mich an sie. So genau weiß ich das bis heute nicht.
Phase 2: Fokus und bewusste Wahrnehmung
Es kam der Zeitpunkt, an dem ich es leid war, immer nur traurig und angeschlagen zu sein. So beschloss ich, meinen Fokus und meine Wahrnehmung wieder bewusster zu steuern. Ich hatte zwei Bilder in meinem Kopf, die mich motivierten und mir halfen, wieder zu lächeln und (zumindest ein wenig) hoffnungsvoll in die Zukunft zu sehen. Das erste Bild war direkt mit der Situation verknüpft, denn ich sah meinen Mann und mich als Eltern. Irgendwann würde es wieder funktionieren, und unser Kinderwunsch würde in Erfüllung gehen. Eine Spina Bifida hat keine genetische Ursache und tritt bei einem von ca 3.000 Babys auf. Einer weiteren Schwangerschaft steht also nichts im Wege.
Der zweite Fokus galt meiner Selbstständigkeit. Ich machte einen Plan, wie es weitergehen sollte, und stürzte mich dann in meine Herzensaufgabe. Ich war weiterhin viel in der Natur unterwegs, machte lange Spaziergänge und versuchte trotzdem, alle Gefühle weiterhin so bewusst wie möglich wahrzunehmen.
Phase 3: Mein persönlicher Sinn
Ich wusste, jeder Schicksalsschlag, jede Herausforderung hat auch eine positive Seite. Diese sieht man aber erst, wenn man auch dazu bereit ist. Bereit ist man dann, wenn man allen Gefühlen Platz gelassen hat, sich selbst gegenüber Mitgefühl hat und die Situation akzeptiert hat. Außerdem muss ein wenig Zeit vergehen. Nun, was hatte ich jetzt also davon, dass ich unser erstes Kind verlor? Meine Ehe wurde in dieser Situation auf die Probe gestellt, und es hat sich wieder herausgestellt, wie stark mein Mann und ich im Team waren. Ich bin zutiefst dankbar für ihn und unsere Ehe. Ich habe außerdem gesehen, wie viele Menschen mit mir mitfühlten, mir Kraft gaben und zu mir standen. Ich hatte bemerkt, wie viele Frauen, die Ähnliches erlebt hatten, sich mir öffneten, und konnte dadurch auch sehen, dass viele Menschen unser Schicksal teilten. Ich habe gelernt, wie stark ich bin, sowohl körperlich als auch psychisch. Aufgrund all dieser Erkentnisse konnte ich neben dem Schmerz auch ein wenig Stolz verspüren.
Ich habe sogar in dieser Zeit mein Ziel erreicht, denn am 13. November habe ich mein Gewerbe angemeldet und mir den Traum meiner nebenberuflichen Selbstständigkeit erfüllt.
Das Jahr 2023 war bittersüß. Es hat mir wieder gezeigt, wie grausam das Leben sein kann. Nichtsdestotrotz hat sich eine meiner tiefsten Überzeugungen wieder bewahrheitet, und mit dieser will ich den Blog-Artikel gerne beenden. Der Satz stammt von Viktor Frankl, einem österreichischen Psychiater und Neurologen, der das Konzentrationslager überlebt hat.
„Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“
Steckst du in einer Krise und brauchst Unterstützung? Willst du über schwere Zeiten in deinem Leben sprechen und eine neue Perspektive dazu eingehen? Gerne habe ich ein offenes Ohr für dich und helfe dir, deinen persönlichen Umgang damit zu finden. Schreibe mir einfach eine E-Mail an hallo@nadjabastl.at.




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